Offener Brief von Scheißzeit und Avanti zur Präsentation von „Zeitgeist: Moving Forward“ im koki der pumpe Kiel

Verschwörungstheorien und Technikwahn haben nichts mit fortschrittlicher Politik zu tun!

Zur Präsentation von „Zeitgeist: Moving Forward“ im kommunalen Kino der pumpe Kiel

Heute, am 10.3.2012, zeigt das koki in der pumpe Kiel den Film „Zeitgeist: Moving Forward“ von Peter Joseph, dem Gründer der „Zeitgeist-Bewegung“. Die Veranstaltung ist offen­sichtlich eingebettet in den international begangenen „Z-Day“ von „Zeitgeist“. In der Ankündigung findet sich, neben einer wohlwollenden Zusammenfassung des Filminhalts („Aus neuesten wissenschaftlichen Theorien über die ‚menschliche Natur‘, Geldsystem und Nachhaltigkeit entwickelt er ein neues Paradigma der sozialen Organisation, namentlich die ‚Ressourcenbasierte Wirtschaft‘“) ein Hinweis auf die Internetseite des Kieler Chapters von Zeitgeist. Außerdem verweist das koki auf den Wikipedia-Beitrag zu Zeitgeist – allerdings auf den sehr knappen Beitrag in der englisch-sprachigen, nicht auf den viel ausführlichen Beitrag in der deutschen Version, und das, obwohl es doch ausdrücklich betont, dass der Film in der synchronisierten deutschen Fassung gezeigt wird.

Zeitgeist und die deutsche Linke

Kein Wunder: in der deutschsprachigen Wikipedia wären Interessierte ja auch auf die umfangreich dokumentierte Kritik an Zeitgeist gestoßen. So warnte etwa die taz die Occupy-Bewegung, sie solle aufpassen, nicht „von einer obskuren sektenartigen Bewegung gekidnappt“ zu werden, und mehrere Occupy-Camps distanzierten sich bereits von Zeitgeist und seinen Inhalten. Diese Kritik muss den MacherInnen des koki bekannt gewesen sein, denn auch in der Kieler Linken war Zeitgeist schon Thema: so etwa im Zuge der Diskussionen um die inhaltliche Ausrichtung der Occupy-Bewegung, wo die verschiedenen Diskutierenden trotz aller Differenzen darin einig waren, dass Zeitgeist in der Bewegung nichts zu suchen hat, und auch das Kieler Occupy-Camp entschied sich, Flyer und Logos von Zeitgeist aus dem Camp zu verbannen (vgl. das Plenumsprotokoll vom 1.11.2011). Diese Auseinandersetzung, überhaupt die Kritik an Zeitgeist, wird in der Ankündigung des koki mit keinem Wort erwähnt.

Worauf bezieht sich nun diese Kritik? Wer sich ein wenig schlau macht über Äußerungen von deutschen Zeitgeist-VertreterInnen, stößt schon bald auf eine seltsame Mischung aus Politikfeindlichkeit, Verschwörungstheorien und tendenziell antisemitischen Äußerungen.

Kritik der Zeitgeist-Filme

Und genau diese Mischung findet sich auch in den „Zeitgeist“-Filmen. Insbesondere der erste Film bringt eine krude Mischung aus Verschwörungstheorien (zum 11. September, aber auch zur „Macht der Banken“), anti­semitischen Erklärungsmustern („geheime Gesellschaften“, die unsere Welt regieren, natürlich v.a. Juden) und reaktio­närem Antiamerikanismus (die USA seien verantwortlich für den Ausbruch des 1. und des 2. (!) Weltkrieges).

„Moving Forward“ ist da deutlich weichgespülter, grenzt sich auch zum Teil von den Verschwörungstheorien des ersten Teils ab, und enthält in seinen fast 3 Stunden Laufzeit auch einige Aussagen, denen für sich genommen zuzu­stimmen ist. Letztlich aber enthält auch Teil 3 der Zeitgeist-Serie Kritiken und Lösungsansätze, die nichts mit fort­schrittlichen Ansätzen gemein haben. Das fängt schon im ersten Teil, in dem es um die „Natur des Menschen“ geht, an: hier verbindet der Film Banalitäten zur gesellschaftlichen Determination menschlichen Verhaltens mit einem antimodernistischen und letztlich reaktionären Zurücksehnen in vermeintlich „natürliche“ und idyllische „primitive Gesellschaften“.

Der zweite Teil, untertitelt mit „Der Markt“, beschäftigt sich mit einer Kritik am kapitalistischen Wirtschaftssystem und seinen Theoretikern und enthält in seinen besten Teilen, etwa in der Kritik des „Konsumwahns“ als zentralem Problem, eine verkürzte Kapitalismuskritik. Und indem er die Kritik letztlich auf die Macht „des Geldes“ konzentriert und einen Gegensatz zwischen der positiv konnotierten Produktion „realer, handfester, lebensfördernder Handelsware“ und der zerstörerischen Finanzwirtschaft als zentrales Problem darstellt, reproduziert er letztlich antisemitische Klischees. Der Film lässt einen Wirtschaftswissenschaftler zum Unterschied zwischen der „Lebenswertschöpfungskette“ und der „Geldwertschöpfungskette“ sprechen – strukturell unter­scheidet sich das nicht großartig von der Unterscheidung zwischen „schaffendem“ und „raffendem“ Kapital, die wir vom „nationalrevolutionären“ NSDAP-Theoretiker Otto Strasser und von heutigen „Autonomen Nationalisten“ kennen.

Und auch das Gegenmodell zum Kapitalismus, das der Film entwirft, hat mit fortschrittlichen Ideen herzlich wenig zu tun, sondern wirkt wie ein Science Fiction-Film: Durch die Anwendung der – als vollkommen ideologiefrei phantasierten – wissenschaftlichen Methode auf menschliche Bedürfnisse soll jede Form von Politik oder „Meinung“ überflüssig werden. Kommunikation zwischen Menschen, Diskussionen um die Lösung gemeinsamer Probleme, überhaupt die menschliche Gestaltung der Umwelt – all das tritt zurück hinter Phantasien von Supercomputern, die alle Probleme lösen sollen. Auch gesellschaftliche Probleme wie Rassismus, Patriarchat usw. verschwinden auf geradezu magische Weise, sobald die Menschheit die Befriedigung ihrer Bedürfnisse der Planung durch Supercomputer überlässt. Effizienzwahn und Zentralisierung statt Basisdemokratie ist die Losung. Und am Ende zeigt der Film in einer pathetischen Revolutionsszene noch einmal, dass eben doch noch Verschwörungsdenken und verkürzte Kapitalismuskritik im Zentrum stehen – die Menschen laden ihr Geld vor den Zentralbanken ab, die mächtigen Männer hinter dem Vorhang geben auf, und alle Probleme sind gelöst.

AG „Scheißzeit-Movement“ und Avanti – Projekt undogmatische Linke