Hinweis: Di. 22.11. Veranstaltung „Antisemitismus“, 19.30 Uhr pumpe

Zur Kritik eines antimodernen Ressentiments. Über die Konstruktion antisemitischer Stereotype anhand der ‚Protokolle der Weisen von Zion‘ und des Begriffs der ‚deutschen Arbeit‘.

Dienstag, 22.11.2011 | 19.30 Uhr | die pumpe, Seminarraum (Haßstr. 22) | Kiel

„Um die Nichtjuden zu schädigen, haben wir umfangreiche Stockungen (Krisen) im Wirtschaftsleben hervor gerufen.“ (aus ‚Protokolle der Weisen von Zion‘, gefälschte antisemitische Hetzschrift)

Seit Mitte Oktober 2011 entwickelt sich auch in Deutschland eine Variante der in New York entstandenen und von den vorhergegangenen Sommerprotesten der ‚Empörten‘ in Spanien inspirierten ‚Occupy Wall Street‘-Bewegung. In mehreren großen und mittelgroßen Städten kam es zu Demonstration mit teils einigen tausend Teilnehmer_innen, welche eine Welle von ‚Occupy-Camps’ nach sich zogen.

Während andernorts in Europa hartnäckig gegen EU-Spardiktate gekämpft wird und die ‚Occupy‘-Bewegung der Vereinigten Staaten sich zumindest teilweise so zuspitzte, dass z.B. in Oakland der viertgrößte Hafen der USA durch Streiks und Massenproteste lahmgelegt wurde, was massive Kämpfe mit der Staatsgewalt nach sich zog, sind die Proteste gegen die kapitalistische Krise in Deutschland bisher recht handzahm geblieben. Kein Wunder, denn Deutschland ist aus der Krise auf Kosten anderer EU-Mitgliedsstaaten bisher recht schadlos hervorgegangen und konnte seine politische und ökonomische Vormachtstellung in Europa sogar weiter ausbauen.

Trotz ihres transnationalen Ursprungs, der eine internationalistische Positionierung und somit einen Angriff auf das deutsche Kapital als krisenexportierender Lohndrückerweltmeister nahe legen würde, ist die ‚deutsche Wertschöpfungskette’ und das ‚deutsche Unternehmertum’ vom hiesigen ‚Occupy‘-Protest bisher weitestgehend verschont geblieben. Stärker sind innerhalb der heterogenen Bewegung dagegen solche Stimmen zu vernehmen, die die Banken auf ihr ‚ursprüngliches Geschäft’ beschränkt sehen wollen, bei dem der ‚kleine Mann’ sein Geld sparen kann und die Unternehmen ihre Kredite bekommen. Die ‚ehrliche Arbeit’ in der Realwirtschaft, die angeblich die symbolhaften 99% verrichteten, haben dieser Sichtweise zur Folge nichts mit der Krise zu tun. Vielmehr seien es angeblich ‚geldgierige Banker‘, die durch Spekulation und allerlei unmoralische Finanzgeschäfte eine Finanzkrise verursacht hätten.

Durch diese weit verbreitete, ob bewusst oder unbewusst vollzogene Trennung in ‚raffendes‘ und ’schaffendes‘ Kapital, sowie durch ihre gewollte inhaltliche Unbestimmtheit und dem Anspruch, eine alle Teile der Gesellschaft umfassende Volksbewegung zu sein, öffnet die ‚Occupy’-Bewegung auch dem Antisemitismus eine Flanke. So tummeln sich – neben vielen anderen, ob der kaum mehr zu übersehenden Widersprüche kapitalistischer Gesellschaften, richtigerweise Unzufriedenen – auf den Demos und Camps auch (teils organisierte) Anhänger_innen von Verschwörungstheorien oder Fans des Begründers der antimarxistischen ‚Freiwirtschaftslehre‘ und Antisemiten Silvio Gesell. Auch der ganz unverhohlene Rückgriff auf die Lügen und Symboliken der ‚Protokolle der Weisen von Zion‘, jener gefälschten, aber einflussreichen Basisschrift antisemitischen Verschwörungsdenkens, ist bundesweit wiederholt vorgekommen.

Da leider auch die Krisenproteste in Kiel nicht von solchen gefährlichen Tendenzen verschont geblieben sind, wollen wir mit einer Veranstaltung anhand der Beschäftigung mit jenen ‚Protokollen der Weisen von Zion‘ und dem ‚deutschen Arbeitsethos’ dazu anregen, zentrale Eckpfeiler antisemitischer und verschwörungstheoretischer Weltbilder in den Fokus der notwendigen Kritik zu rücken.

Die ideologische Basis des deutschen Arbeitsethos, die Überhöhung der ’schaffenden‘ Arbeit, findet sich schon im ausklingenden Mittelalter bei Martin Luther. Arbeit ist für ihn nicht mehr notwendiges Übel zum menschlichen Überleben, sondern wird hier religiös motiviert zum Segen, zur heiligen Pflicht, zum höchsten Mittel, um Gottes Gnade zu erhalten. Den Müßiggang wie auch die private Bereicherung und die Anhäufung von Reichtum – das spätere kapitalistische Prinzip aus Geld mehr Geld zu machen – lehnte Luther aber nicht bloß ab. Den Gegentypus zu seinem Ideal der ehrlichen, christlichen – letztendlich deutschen – Arbeit, sah Luther im Judentum, das für ihn sinnbildlich für Faulheit und Gier stand.
Die Arbeit war etwa 400 Jahre nach Luther schließlich auch der Dreh- und Angelpunkt in Adolf Hitlers hetzerischen Argumentation gegen das ‚Finanzkapital‘. Das Unternehmertum diene der ‚ehrlichen Arbeit’ – der Geldhandel hingegen schaffe keine Arbeit, er sei damit losgelöst von den Interessen der Volksgemeinschaft - „weil seine Träger die Juden international sind durch ihre Verbreitung über die ganze Welt“ (Hitler). Hitler wandelte den Selbstzweck der Arbeit als Gottesdienst (Luther) um zum Ehrendienst am deutschen Volke. Die ab 1933 verwirklichte nationalsozialistische Volksgemeinschaft war dann konsequenterweise auch nichts anderes als die Vereinigung der Kapitalbesitzenden und der Lohnabhängigen im Dienste der deutschen Arbeit gegen das ‚raffende Finanzjudentum‘, mit seinen bekannten mörderischen Folgen.

Die systemimmanenten Krisen des Kapitalismus, wie wir sie derzeit erleben, rufen logischerweise und völlig zu Recht wachsende Unzufriedenheit über die sich in dann verschärfenden Ungerechtigkeiten dieser unvernünftigen Gesellschaftsorganisation hervor. Diese führt im besten Fall zur Entwicklung und Durchsetzung von kollektiven Interessen der dadurch sozial weniger privilegierten Klassen oder sogar zur grundsätzlichen Infragestellung der Verhältnisse, kann aber auch emanzipationsfeindliche Formen der Kapitalismuskritik befördern, die selten ohne Elemente des Antisemitismus auskommen. Wie dünn dabei die humane Firnisschicht der Aufklärung in bürgerlichen Gesellschaften ist, hat die nationalsozialistische Barbarei, die in der Menschheitskatastrophe der Shoa mündete, auf nie mehr zu vergessende Weise deutlich gemacht. Im Angesicht der aktuellen Krise müssen wir uns in kapitalismuskritischen Bewegungen deshalb für die Entwicklung eines emanzipatorischen Ausweges aus den krisenhaften Verhältnissen des Kapitalismus auch mit irrationalen Weltsichten und vor allem mit dem häufig mit ihnen verworrenen Antisemitismus auseinandersetzen.

Eine Veranstaltung der AG „Scheißzeit Movement“ präsentiert von der Autonomen Antifa-Koordination Kiel.